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Geschichten eines Krieges
Hrsg. Drachenkinder


aus "Das Glockenspiel" von Andreas Wölfle

„Lo-dis-las, Lo-dis-las, Lo-dis-las!“ Großvater drehte die Kurbel ein letztes Mal und das wunderbare spiel der Glocken klang so langsam aus, dass Lodislas glaubte, es noch lange danach hören zu können. Er liebte es, wenn Großvater die letzten Takte des Glockenspiels mit seinem Namen begleitete, das gab ihm das Gefühl, dass es nur für ihn spielte.
„Immer singst du ‘Lodislas’“, murrte seine große Schwester. „Warum nicht Sarin?“
„Weil dein Name nicht zum Takt der Glocken passt“, erklärte Großvater zum mindestens hundertsten Male.
„Außerdem bist du schon eine junge Frau, bald werden richtige Männer für dich singen, kein siecher Greis!“
„Ach Großvater!“ Sarin stand vom Boden auf, setzte sich zu dem alten Mann auf die Sessellehne und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Darf ich dann wenigstens ein einziges Mal die Kurbel drehen?“
Auch das hatte ihr Großvater schon mindestens hundert Mal erklärt.
„Nein, meine Dame. Das Glockenspiel ist ein einzigartiges Instrument und sehr empfindlich. Sein Erbauer wäre böse mit mir, wenn ich es aus der Hand gebe.“
Er schob das nussbraune Kästchen mit der goldenen Kurbel demonstrativ auf den Tisch.
„Der Erbauer dieses Dings ist schon lange tot!“, fauchte Sarin und rannte beleidigt zur Tür. Beim hinausgehen stieß sie fast mit Vater zusammen, der gerade noch zurückweichen konnte und ihr verdutzt hinterher blickte.
In seinem Gefolge befanden sich Lodislas’ ältester Bruder Barek und eine Gruppe Männer, die Lodislas von den Nachbarhöfen kannte. Vater schloss die Tür und bedeutete Barek und den Männern, sich an den Tisch zu setzen.
„Es ist etwas geschehen, Harman“, sagte er zu Großvater.
„Junge! Geh in dein Zimmer!“
Vater wirkte immer ernst, weil er durch seinen buschigen schwarzen Bart finster aussah und seit Mutters Tod nicht mehr gelacht hatte, aber heute wirkte er ganz besonders ernst. Dennoch kam Trotz in Lodislas auf. Er wollte nicht schon wieder ins Bett geschickt werden.
„Lass ihn dabei, mein Sohn“, sagte Großvater milde. „Er ist schon elf Jahre alt, er darf hören, was Männer sich zu sagen haben.“
„Also schön“, brummte Vater. Er nahm die Karaffe mit Branntwein und sechs Tonbecher vom Regal und stellte sie auf den Tisch. Stühle polterten auf dem Holzboden, als die Gruppe sich setzte, für Lodislas blieb keiner übrig.
Die Männer hatten den typischen Geruch von Arbeit an den Kleidern, Schweiß, Erde und Vieh.
„Die Orks haben Hanichstadt geschleift“, sagte Vater und nahm einen tiefen schluck Branntwein. Großvaters Augen weiteten sich.
„Bei der Schöpfung! Das ist ja gerade mal fünfzig Meilen von hier!“
„Es muss grauenvoll gewesen sein“, sagte der Mann vom Fentnerhof. Sein Gesicht war rot und er hatte dicke schwarze haare auf der Nase.
„Der Kurier, den ich beherbergt habe, hat erzählt, dass sie die Frauen lebend an die Leichen ihrer Männer gebunden haben, um sie mit ihnen verwesen zu lassen! Die ganze Hauptstraße soll gesäumt sein mit gepfählten Soldaten! Und sie haben alle Kinder gefressen!“
Lodislas erschrak. Was waren das für Ungeheuer? Auf Gut Eichengrund sprach kaum einmal jemand vom Krieg, lediglich Vater bekam immer schlechte Laune, wenn der Regent wieder ungeheure Mengen an Vieh, Getreide und Obst für seine Truppen verlangte.
„Aber der Regent wird uns doch Soldaten zum Schutz schicken?“
Großvater klang sehr beunruhigt. so kannte Lodislas den gemütlichen, alten Mann nicht und das machte ihm Angst. Sein Herz klopfte schneller.
„Die Regierungstruppen kämpfen an der Ostfront“, erklärte Vater. „Hanichstadt ist von den roten Raben verteidigt worden!“
„Der Schöpfung sei Dank!“ Großvater atmete auf. „So stehen wir nicht auf verlorenem Posten!“
„Die roten Raben sind Söldner“, gab ein anderer Mann zu bedenken, soweit Lodislas wusste, der Gutsherr von Steinbrück. „Mich wundert, dass sie überhaupt noch für den Regenten kämpfen. sie haben doch sicher schon monatelang keinen Sold mehr bekommen!“
„Die roten Raben sind edle Krieger“, warf der Mann vom Fentnerhof empört ein. „sie kämpfen bis zum letzten Atemzug für die gute Sache!“
„Vater“, meldete Barek sich zu Wort, „ich überlege schon lange, ob ich mich den roten Raben anschließen soll. Ich möchte mit unseren Helden gegen die Orks ins Feld ziehen! Diese Halbmenschen sollen in ihrem eigenen Blut ersaufen!“
„Ich brauche dich hier, Junge!“, entgegnete Vater unwirsch. „Die Apfelernte ist in vollem Gange und die Früchte müssen gekeltert werden!“
Barek holte Luft, um zu widersprechen, da nutzte Lodislas den Augenblick und stellte die Frage, die ihm schon lange auf der Zunge brannte.
„Was sind denn Orks?“
Die Runde verstummte. Lodislas drängte sich so gut es ging zwischen zwei Männern an den Tisch. Noch nie hatte jemand mit ihm über den Krieg gesprochen, alle hatten immer nur gesagt, dass er dafür zu jung sei. aber jetzt wollte er mehr wissen.
Einen Atemzug lang sagte niemand etwas, bis der Mann vom Fentnerhof ihn angrinste.
„Orks sind grünhäutige, böse Ungeheuer! Sie haben lange, spitze Hauer!“ Er hielt die nach oben gestreckten Zeigefinger an die Unterlippe und simulierte damit die Zähne. „Ihr einziger Lebenssinn ist es, Menschen abzuschlachten und zu versklaven! Sie trinken Blut! Und weißt du, was sie am liebsten fressen?“
Lodislas schüttelte unsicher den Kopf.
„Kleine Jungen!“, schrie ihm der Mann plötzlich ins Gesicht. Lodislas kreischte, sprang zurück und fiel auf den Hosenboden. Alle Männer, einschließlich Vater und Barek, lachten schallend, nur Großvater hielt sich zurück.
Lodislas’ Augen füllten sich mit Tränen, er rannte zur Tür und riss sie mit einer Mischung aus Furcht und Wut auf.
Die Herbstsonne wärmte Lodislas’ Haut, als er nach dem Frühstück und dem Unterricht aus dem Gutshaus lief, um den Küfern zu helfen. Vater bestand darauf, dass seine Kinder mit Hand anlegten, denn seit der Krieg tobte, hatten sich viele Arbeiter den Söldnern angeschlossen, weil sie sich dort mehr Lohn versprachen. Lodislas arbeitete gern; es machte ihm Spaß, mit seinen Händen das Gleiche zu fertigen wie erwachsene Männer.
Er schämte sich, dass er sich am Vorabend verhalten hatte wie ein kleines Kind. Jetzt, bei Tageslicht, kam ihm die Vorstellung von grünen Orks mit langen Hauern lange nicht mehr so schlimm vor. und außerdem hatte Großvater gesagt, dass die roten Raben sie beschützen würden.
Süßer Geruch stach ihm in die Nase. Die Obsternte war in vollem Gange, ein mit Äpfeln und Birnen beladenes Fuhrwerk stand in der Kelter. Lodislas’ Bruder Barek schaufelte von der Ladefläche Früchte in die Presse.
Als Barek ihn sah, unterbrach er seine Arbeit und winkte ihm zu. Lodislas war noch ein bisschen böse auf ihn, weil er gestern zusammen mit den Männern über ihn gelacht hatte, aber er winkte zurück.
Vor der Küferei stapelten sich die Fässer und innen hallte das Konzert der Hämmer. Die Hitze der Feuer, über denen die nassen Dauben gebogen wurden, wallte Lodislas entgegen, als er sich bei Garmesch, dem Küfermeister, zur Arbeit meldete.
„Ah, unser fleißiger Gehilfe“, begrüßte ihn der breitschultrige Handwerker. „Fühlt sich der junge Mann kräftig genug, um Dauben auszunehmen?“
„Aber natürlich, Meister“, strahlte Lodislas.
Stolz, dass der Küfermeister ihm richtige Männerarbeit zuteilte, machte er sich ans Werk. Am Nachmittag begannen seine Arme zu schmerzen und er freute sich auf den Feierabend, das Essen mit dem Gesinde und vor allem auf Großvaters Glockenspiel.
Der Tag verlief wie viele andere Tage auf Gut Eichengrund.
Bis der Reiter kam.
„Ein Reiter!“ Der Küferlehrling rannte aufgeregt wie ein Huhn durch die Werkstatt. „Ein Reiter kommt über die Wiesen!“
[...]


Geschichten eines Krieges - 384 Seiten - 14,90 Euro - ISBN 978-3-937544-08-3

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